Rostock und der anglo-amerikanische Feind der Werktätigen

Gestern war ich in Rostock. An der Grenze von Schleswig-Holstein nach Mecklenburg-Vorpommern steht ein Schild “Ehemalige innerdeutsche Grenze 1945-1990”. Es sieht so aus wie das ein paar Kilometer vorher aufgestellte, das auf die malerische Innenstadt von Lübeck hinweist, oder jenes ein paar Kilometer weiter, welches dem Vorbeireisenden die Hansestadt Wismar empfiehlt.

In Rostock angekommen, fand ich am Postamt diese Inschrift:

Kein erklärendes Wort. Im Gegenteil, die Inschrift wurde sogar anlässlich der Renovierung des Gebäudes sogar noch um drei Zeilen ergänzt (“Umgebaut und modernisiert im Jahre 1991 durch die Deutsche Immobilien GmbH Rostock”).

Natürlich ist der Wortlaut der Inschrift in der Sache zutreffend. Rostock wurde am besagten Tag durch englische und amerikanische Bomber angegriffen. 1953 bis 1956 ist das Postamt neu errichtet worden, wozu zweifellos viele fleißige Werktätige beigetragen haben.

Zwei relevante Tatsachen werden nicht genannt. Die erste: Die anglo-amerikanischen Bomber kamen nicht aus heiterem Himmel, sondern waren eine Antwort auf deutsche Angriffspolitik. Die zweite: Die Anglo-Amerikaner kämpften Seit’ an Seit’ mit sowjetischen Soldaten.

Man fragt sich, ob diese Inschrift wohl genauso darauf hingewiesen hätte, wenn es nicht amerikanische Fliegerbomben, sondern sowjetische Artilleriegranaten gewesen wären, die das Ende des alten Postamtes besiegelt hätten. Die Antwort ist natürlich klar. Der wahrheitsgemäße Hinweis auf anglo-amerikanische Bomber ist zugleich ein Hinweis auf den wahren Feind der werktätigen Massen im Jahre 1956.

Und so hängt diese Tafel auch noch heute am Postamt in Rostock. Sie behauptet ja nichts, was nicht stimmt. Dass auch das Verschweigen einer Tatsache eine Lüge sein kann, ist in Rostock noch nicht angekommen.

200 km sind es von Kiel nach Rostock. 20 Jahre ist es bald her, dass die Mauer weg ist. Kein Trabi in der ganzen Stadt mehr. Aber ein Stück weit ist es immer noch ein mir fremdes Land.

veröffentlicht am 15. August 2009 um 21.00 Uhr
in Kategorie: In der Welt

Ein Kommentar »

  1. Da wohnt man seit Jahren in der Stadt und noch nie hab ich das mitbekommen…

    Im übrigen hat man vieles hier noch nicht mitbekommen.
    So warb die Initiative “Bunt statt Braun” – an sich ein netter Verein – mit einem Flugblatt gegen den neu eröffneten Naziladen in der Innenstadt mit folgendem Zitat:
    “Toleranz gegenüber allem außer Intoleranz” von W.Busch…Ob man sich mal mit dem tieferen Sinn beschäftigt hat…?

    Comment by lunamea — 24. November 2009 @ 10:03

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